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Sonntag, 21. November 2010

Der Bauch denkt mit...?

Erstaunlich, was vielen Menschen ihr Bauch alles sagen kann! Durch eine merkwürdige Form des internen Ventriquolismuses ist der Bauch bei ihnen offenbar in der Lage, das Hirn zu überstimmen. Wie das geschieht ist mir völlig rätselhaft, ganz besonders da mir eine hochkomplexe Struktur aus 100 000 000 Nervenzellen besser zum Denken geeignet scheint als eine Reihe von Verdauungsorganen. Deren Aufgabe ist es ja eher, Input in Scheiße zu verwandeln, und da drängt sich der Verdacht auf, dass sie das auch tun, bevor sie eine Meinung kundtun.
Aber mal im Ernst: Der Konflikt zwischen Gefühl und Verstand ist etwas, das mich schon lange nervt, alleine schon deswegen, weil ich nicht glaube, dass er existiert. Zwar sagen oft Menschen, ihr Gefühl (oder „ihr Bauch“) würde ihnen etwas mitteilen...aber was meinen sie denn damit wirklich? Gefühle sind Liebe, Hass, Neid, Eifersucht, Gier, Zuneigung, Trauer, Freude, und so weiter. Die sagen mir nichts, die sind einfach da. (Und, nebenbei bemerkt, Folge meines Denkens, kommen direkt aus dem Hirn.)
„Gefühl“ hat zwei Bedeutungen, die man nicht verwechseln darf: Emotion und Inspiration. Wenn einem das Gefühl etwas sagt, dann ist es die Inspiration; nur allzu oft erlebte ich es schon, dass jemand mir gegenüber versuchte, seine Inspiration als Argument anzuführen; und wenn mein Verstand sich weigerte, dies anzuerkennen, gab es Kommentare, die meine emotionalen Kompetenzen anzweifelten. Als ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte. Denn Inspiration kommt nicht aus der Emotion, sondern aus dem Verstand. Inspiration (es sei denn, man glaubt wirklich an Musen) muss als Ergebnis eines unterbewussten Denkens betrachtet werden, wobei das Gehirn dem Bewusstsein nicht einen Denkprozess, sondern nur dessen Ergebnis präsentiert. Und unter anderem deswegen taugt Inspiration nicht als Argument: wenn man nicht den Gedankengang, der zu diesem Ergebnis führte, aufzeigen kann, wie soll man da beurteilen, ob er korrekt ist?
Wobei ich nicht im Geringsten den Wert der Inspiration schmälern will; er liegt nur auf einem völlig anderem Gebiet als dem der Argumentation. Inspiration trug schon zu einer Unmenge richtiger und bedeutender Problemlösungen bei; aber nicht etwa, weil sie per se richtig liegt, sondern nur, weil sie das doch zumindest oft genug tut, um aus einer Vielzahl potentieller Lösungen mit ihrer Hilfe schnell auszusondieren, welche am vielversprechendsten sind; und diese dann in Erwägung zu ziehen und zu überprüfen. Der Mensch sammelt im Laufe seines Lebens mehr Erfahrungswerte, als ihm überhaupt bewusst ist, aber in Form von „Inspiration“ melden sie sich dann doch hin und wieder. Auf den richtigen Umgang mit ihnen kommt es an. Man kann ihnen einerseits blind vertrauen, oder sie einfach als Vorschlag betrachten, und diesen in näheren Augenschein nehmen.
Aber nicht so tun, als ob es etwas wäre, das man als Argument benutzen kann, denn das würde nichts anderes bedeuten, als von seinem Zuhörer dieses blinde Vertrauen zu verlangen. Und „Vertraue mir!“ ist nun wirklich kein Argument...

Samstag, 30. Oktober 2010

Denkfehler: Die Eulenspiegelei

Ich habe keine Ahnung, ob es eine offizielle Bezeichnung hierfür gibt; ich nenne es den Eulenspiegel-Fehler, weil es etwas mit dem übertrieben wörtlich Nehmen von Aussagen zu tun hat, was ja zu den Standart-Praktiken des alten Till zählte. Man legt Aussagen so eng wie möglich aus, weit enger, als sie jemals gemeint sein können.
Gehen wir von einer Situation aus, in der Regeln existieren. Regeln, wie Gesetze, sind im Allgemeinen so formuliert, dass sie auf eine Vielzahl von Einzelfällen anzuwenden sind, inklusive solcher, die noch nie eingetreten sind, oder die noch nicht einmal erahnt werden können. Das ist auch nötig, denn ansonsten würde die nötige Anzahl von Regeln ins Unermessliche und erstrecht ins völlig Unübersichtliche steigen. Was tut nun ein „Eulenspiegel“? Er kümmert sich nicht um die Regel an sich, kennt sie nicht, kapiert sie nicht oder akzeptiert sie nicht. Wird ihm in einem Einzelfall klar gemacht, was sie hier besagt (meist weil er gerade dagegen verstieß), so gibt er klein bei und schwört, sich nie wieder zu verhalten wie eben; nur um bei nächster Gelegenheit die Regel erneut zu missachten, da angeblich nicht klar war, dass sie auch in diesem, minimal anders gelagerten Fall gilt.
„Ja, Mami, Du hast gesagt, dass ich anderen Kindern nicht gegen das Schienbein treten soll. Hab ich auch nicht getan. Du hast mir nicht verboten, ihnen in die Eier zu treten...!“
Genau so infantil ist das. Was nicht heißt, dass man entsprechendes nicht auch von Erwachsenen zu hören bekommt...ich korrigiere: von Volljährigen. Wer so argumentiert, kann nach keiner sinnvollen Definition als erwachsen gelten, sei er 18, 21, oder 74 Jahre alt.
Und wer so etwas nicht nur sagt, sondern tatsächlich glaubt...da weiß ich nicht weiter. Gibt es so jemanden? Ich kann mir vorstellen, dass das Universum 13,7 Milliarden Jahre alt ist, dass sich die Kontinente unmerklich langsam verschieben, dass es die wahre Liebe gibt; aber so weit reicht meine Phantasie dann doch nicht. Ich denke vielmehr, dass dies auch wieder so ein reines Ausredeargument ist, das von denjenigen, die es verwenden, überhaupt nicht durchdacht wird. Man setzt sich über Regeln hinweg, weil man Lust dazu hat, nicht weil man etwas auf Lager hat, das einen ausreichenden Grund darstellt. Man kennt die Regel, missachtet sie bewusst, und wenn man erwischt wird, benötigt man eine Spitzfindigkeit, eine eigene Auslegung der Regel, die einem selbst das Gefühl gibt, im Recht zu sein, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Der Mensch an sich ist nicht gut. Nicht von Natur aus. Warum sollte er auch? Die Natur kennt kein Gut und Böse, nur Erfolg und Misserfolg. Und zum Erfolg zählt ein positives Selbstbild, es bewahrt vor psychischen Belastungen und sorgt für sichereres Auftreten. Es ist nützlich, sich selbst als „einen von den Guten“ zu sehen; und um in den Genuss dieser Einstellung zu kommen, gehen manche den direkten Weg und verhalten sich gut, werden gut. Anderen reicht es aus, so lange an dem Begriff „gut“ herumzudefinieren, bis er maßgeschneidert auf sie zutrifft...zumindest in ihren eigenen Augen. Und dafür sind diese Eulenspiegeleien Mittel zum Zweck: Ich bin gut, weil ich mich an die Regeln halte. An meine Auslegung der Regeln.
All das kann ich nicht belegen; aber mir gibt zu denken, dass ich in meinem Leben schon einer ganzen Reihe von Menschen mit ausgeprägten soziopathischen Zügen begegnet bin (im Volksmund „Arschlöcher“ genannt), aber unter ihnen nie auf einen stieß, der auf mich auch nur annähernd den Eindruck machte, er würde sich nicht für einen von den „Guten“ halten.
Ein ernüchternder Gedanke: Wenn man es nicht merkt, dass man zu diesen Menschen gehört, wie kann sich jemand sicher sein, es nicht zu tun?
Durch Logik: Ich muss nur kühl, sachlich und rational betrachten, was ich tue und wie es zu werten ist. Vor allem eben unabhängig davon, dass ich es bin, der bewertet wird. Ich muss Gedanken, Schlüssen und Zusammenhängen dorthin folgen, wo sie mich hinführen, ohne eine feste Vorstellung, wie das Ergebnis auszusehen hat. Ohne mir vorher ein Ergebnis auszumalen und nur die gedanklichen Schritte zuzulassen, die in diese Richtung gehen.
Ich sagte eben „nur...“; damit wollte ich sagen, es ist nicht schwer, einzusehen, welchen Weg man beschreiten sollte. Ihn zu gehen ist ein ganz schön hartes Stück Arbeit. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, dauert es auch noch ziemlich lang. Ein paar Jahre, ein Leben lang, manchmal reicht auch das nicht aus. Es gibt keine Garantie, ans Ziel zu kommen. Gute Reise!

Sonntag, 17. Oktober 2010

Denkfehler: ad ignorantiam

Sollte es jemals so etwas wie eine top ten der Trugschlüsse geben, ad ignorantiam wäre bestimmt enthalten. Dieser Fehler ist so unglaublich beliebt und auf eine gewisse Weise sogar effizient. Vielleicht, weil er so dämlich und leicht zu durchschauen ist...dass man ihn nicht durchschaut! Kein vernünftiger Mensch käme überhaupt auf die Idee, so zu denken; und wenn er dann mit einer Aussage konfrontiert ist, die darauf beruht, kann es sein, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und darauf reinfällt. 10 Minuten später, oder am nächsten Tag, kommt es dann plötzlich hoch: „Da wurde mir doch ein völliger Quatsch erzählt!“
Und dann ist es leider meist auch schon zu spät.
Dieser Denkfehler hat folgende, recht simple, Struktur:
„Ich weiß nicht, dass X nicht Fakt ist; also ist X Fakt.“
Eine Umwandlung von Nichtwissen in Wissen! Eher kann ein Alchemist Blei in Gold verwandeln oder die Wildecker Herzbuben in anorektische Rockmusiker. Dabei ist der Fehler leicht nachzuweisen. Ein Schluss kann in seiner Struktur nur dann korrekt sein, wenn diese Struktur in jedem Fall gültig ist. Sobald man damit widersprüchliche Aussagen konstruieren kann, stimmt etwas nicht. Für oben genanntes „X“ lässt sich genau so gut sagen:
„Ich weiß nicht, dass X Fakt ist, also ist X nicht Fakt.“
Einmal abgesehen davon, dass diese Fehlargumentation sich so großartig zum Bluffen eignet, ist sie wohl auch noch aus einem anderen Grund so beliebt und wird oft angewendet: Es liegt in ihrer Natur, dass sie auf nichts beruht. Daher gibt es keinerlei Bedingungen, die eine Fragestellung erfüllen muss, damit dieses Pseudoargument einsatzfähig wäre; es ist so eine Art schweizer Offiziers-Taschenmesser der Trugschlüsse. Und es gibt auch viele mögliche Motivationen, zu diesem Mittel zu greifen, wobei die Hauptkategorien davon meiner Ansicht nach die folgenden sind:
  • Jemand WILL etwas glauben; es ist ihm nicht wirklich wichtig, ob es wahr ist oder nicht, er benötigt diesen Glauben, um mit seinem Leben oder mit seinem Selbstbild zurechtzukommen. Alleine schon die Möglichkeit, damit das eigene Gewissen zu beruhigen, ist schon verführerisch.
  • Auch wenn jemand nicht selber ernsthaft daran glaubt, dies wäre ein ernstzunehmendes Argument, so mag er doch geneigt sein, es als Ausrede gegenüber anderen einzusetzen. Es ist ja schließlich so universell einsetzbar, immer zur Hand, auf jede Situation übertragbar und benötigt noch nicht einmal ernsthaftes Überlegen, wie man es nun in einem speziellen Fall formulieren muss. Sehr oft habe ich den Eindruck, dass ad ignorantiam geradezu reflexartig von sich gegeben wird (und dummerweise trägt das auch noch sehr dazu bei, dass man damit durchkommt; es findet dann gar kein bewusstes Lügen statt, welches durch dazugehörige nonverbale Signale den Verdacht des Zuhörers wecken könnte).
  • Und, wie jeder andere Trugschluss, so kann auch ad ignorantiam zur bewussten Manipulation eingesetzt werden: Man gibt ihn von sich, ohne im geringsten selber an die Gültigkeit zu glauben. Besonders effizient, wenn der Gedanke nicht für sich alleine steht, sondern genügend Ablenkung von der Schwäche des Arguments vorhanden ist. Am besten, indem man gleich nach der so erfolgten Behauptung so schnell darauf aufbaut, dass der durchschnittliche Zuhörer gar keine Zeit bekommt, darüber nachzudenken. Er muss einer Weiterführung, die inhaltlich völlig korrekt sein kann, folgen, und er bemerkt gar nicht, dass alles auf einer Prämisse basiert, die aber falsch ist. Ganz plötzlich ist er im obersten Stock eines Gedankengebäudes, dem das Erdgeschoss fehlt...
Und ich frage mich, wann ich es endlich selbst fertig bringe, sobald ich ein Reflex-ad ignorantiam höre ebenso reflexartig „Bullshit!“ zu denken und zu sagen...

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Bruno Gröning: Noch etwas zu "post hoc ergo propter hoc"

Wie als Antwort auf meinen letzten Artikel flatterte mir ein Prospekt ins Haus, „Hilfe und Heilung auf geistigem Weg durch die Lehre Bruno Grönings“. Wieder so ein Wunderheiler!
Normalerweise lese ich mir solche Sachen durch, bis zu der ersten Stelle, an der es blödsinnig wird. Das geschah gleich unter der Überschrift: „-medizinisch beweisbar-“. Klingt harmlos, aber...wenn etwas medizinisch beweisbar wäre, könnte man das nicht nur dann wissen, wenn es  medizinisch bewiesen wäre, und sollte man dann nicht lieber das hinschreiben? Und, technisch gesehen, die Medizin ist eine Naturwissenschaft. Naturwissenschaften beschäftigen sich nicht mit Beweisen, das ist das Gebiet der Logik und der Mathematik. Die Naturwissenschaften sorgen für Belege. Großer Unterschied! Belege erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit einer Aussage, schaffen aber nie hundertprozentige Sicherheit. Davon lebt die Naturwissenschaft, dass bessere, genauere Belege die bisherigen Ansichten korrigieren. Vieles kann man sich zu 99,9999999999% sicher sein, aber da muss schon ein Mathematiker mit einem Beweis kommen, um auf 100% zu kommen. (Ich empfehle jedem, sich mal Euklids Beweis dafür, dass es unendlich viele Primzahlen gibt, anzusehen. Abgesehen vom Anblick eines geliebten Menschen kann ich mir nicht viel Schöneres vorstellen.)
Folglich kommen auch keine Beweise in diesem Heftchen. Aber „Eine Vielzahl ärztlich dokumentierter Erfolgsberichte belegt die aktuelle Wirksamkeit seiner Lehre.“ Es werden „Erfolgsberichte auf der Basis von wissenschaftlichen Untersuchungsbefunden (...) dokumentiert“. Ja und? Ich picke mir die Rosinen aus dem Kuchen und behaupte, der Kuchen besteht nur aus Rosinen.
Alles, aber auch alles scheint mit einer Wirkung verknüpfbar zu sein, wenn ich nur die Fälle betrachte, in der das fragliche Element und die besagte Wirkung auftritt. Was zählt ist, ob und wie viele Fälle es gibt, in denen bei gleicher Voraussetzung die Wirkung nicht eintrat, beziehungsweise die Wirkung ohne die Voraussetzung eintrat. „auf der Basis von wissenschaftlichen Untersuchungsbefunden“ heißt auch noch lange nicht das gleiche wie „wissenschaftlich“. Jedenfalls scheint mir diese Broschüre ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man immer und immer wieder versucht, vorzutäuschen, man könnte etwas wissenschaftlich belegen, indem man mit einem Zerrbild von Wissenschaft arbeitet, auf das viele abfahren, weil sie keine Vorstellung haben, was „Wissenschaft“ wirklich bedeutet.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Denkfehler: post hoc ergo propter hoc (danach, also deswegen)

Schon als Kind las ich in einem Donald Duck-Comic, Erika Fuchs sei Dank, etwa folgenden Satz: „Eine unbehandelte Grippe dauert 14 Tage, behandelt kann sie schon in zwei Wochen auskuriert werden.“
Stellen wir uns vor, vier Menschen haben eine stinknormale Allerweltserkältung.
Einer tut nichts dagegen, bald ist er wieder gesund.
Einer legt sich ins Bett, trinkt heiße Zitrone, inhaliert. Bald ist er wieder gesund.
Einer nimmt ein homöopathisches Präparat und benutzt Heilsteine. Bald ist er wieder gesund.
Einer opfert Cthulhu eine Jungfrau, Bald ist er wieder gesund.
Was werden sich die vier danach wohl denken? Der erste, er wurde gesund, obwohl er nichts tat. Die drei anderen: Sie wurden gesund durch das, was sie taten. Doch dieser Schluss ist nicht gerechtfertigt. Zwar ist es möglich, dass ihr Verhalten zu ihrer Genesung beitrug, aber noch lange nicht belegt und schon gar nicht bewiesen. Oder denkt derjenige, der homöopathische Präparate nahm, etwa, dass Cthulhu bei Erkältungen hilft? Wohl eher nicht, dabei hätte er dazu exakt den gleichen Grund, wie er ihm für seinen Glauben an die Macht der Homöopathie zur Verfügung steht. So gesehen dürfte er dann auch nicht an die Homöopathie glauben.
Eine Wirkung, die nach einer möglichen Ursache auftritt, ist noch lange nicht eine Wirkung dieser Ursache. Um das zu überprüfen ist es vielmehr wichtig zu sehen, ob die Wirkung ausbleibt, wenn man die vermutete Ursache eliminiert. Falls ja, so muss es eine andere Ursache geben.
Aber selbst das reicht keineswegs immer; ich denke da an so schöne Statistiken wie diejenige, dass Kinder mit größeren Füßen besser rechnen können. Es stimmt, betrachtet man Kinder, die kleinere Füße haben, so rechnen sie im Schnitt wirklich nicht so gut. Größere Füße und höhere Rechenfähigkeit sind bei Kindern eindeutig verknüpft. Aber können Kinder besser rechnen, weil sie größere Füße haben? Da könnte man ebenso vermuten, dass die Rechenfähigkeit die Füße wachsen lässt. Beides klingt wenig glaubwürdig. Niemand würde mir eine der beiden Hypothesen abnehmen, weil er nicht sähe, wie eine solche Wirkung zustande kommen sollte.
Um einen Bezug zwischen Ursache und Wirkung herzustellen benötigt man idealerweise auch einen Mechanismus, der ihn erklärt. Viele Beispiele, dass ein Effekt eintritt, besagen nichts. Zusätzlich der Beleg, dass der Effekt ohne die angenommene Bedingung nicht eintritt, das ist schon viel besser. Aber oft bleibt offen, was von beiden Ursache bzw. Wirkung ist, oder auch ob beides Auswirkungen einer gemeinsamen Ursache sind. So wie das Alter von Kindern sich sowohl in ihrer Schuhgröße als auch in ihren mathematischen Fähigkeiten bemerkbar macht.
Kommen wir noch mal auf unsren erkälteten Homöopathiegläubigen zurück, einfach weil Homöopathie so weit verbreitet, so anerkannt bei vielen medizinischen Laien und so besonders idiotisch ist. Dieser Mensch sieht seine Heilung als Folge der Einnahme eines homöopathischen Präparates; und er weiß, dass Tausende und Abertausende Menschen dies ähnlich erlebten und interpretierten. Wie gesagt, das belegt noch gar nichts. Er fragt sich nicht: „Woher weiß ich, was passiert wäre, hätte ich die Behandlung unterlassen?“
Immer, wenn diese Frage ernsthaft untersucht wurde, zeigte es sich, dass Homöopathie keinen Einfluss auf Krankheitsverläufe hat. Da Homöopathen und ihre Kundschaft aber an eine Wirkung glauben wollen, versuchen sie, einen Mechanismus als Beleg anzuführen. Das heißt, sie versuchen zu erklären, wie etwas geschieht, ohne zeigen zu können, dass es geschieht. Als ob man sich mit der Frage auseinandersetzt, wie es der Osterhase fertig bringt, ohne Daumen all die Eier anzumalen; und dann, wenn man eine Erklärung gefunden hat, zu glauben, sie beweise die Existenz des Osterhasen.

Sonntag, 26. September 2010

Denkfehler: Ad verecundiam

Manchmal gehen einem die Argumente aus. Aber kann es nicht sein, dass es noch welche gibt, die einem nur gerade nicht einfallen wollen? Was bleibt zu tun?
Wie kann man seinen Gegner überzeugen, dass weitere Argumente existieren, ohne in der Lage zu sein, solche anzuführen?
Eine leicht gelöste Aufgabe, solange diesem Gegner der Trugschluss im ad verecundiam-Argument nicht bewusst ist. Man muss nur einen Experten zitieren, der die eigene Meinung vertritt. Schließlich kennt der sich aus, weiß viel mehr als man selbst zum Thema...und außerdem ist er in der Regel auch nicht zur Hand, um zu widersprechen. Und man kann auf diese Weise auch noch aufs angenehmste sein Gegenüber für eingebildet erklären, vertritt er doch voller Inbrunst eine gegenteilige Meinung als der Experte!
Es spricht prinzipiell nichts dagegen Expertenmeinungen im Streitgespräch anzuführen. Aber dazu müssen einige Bedingungen erfüllt sein:
  • man muss ihn richtig zitieren; nichts darf aus dem Kontext gerissen werden, denn das verfälscht die Aussage
  • nur solche Aussagen sind zulässig, die der Experte in seiner Expertenfunktion auf seinem Sachgebiet trifft: so hat zum Beispiel ein Politiker nicht unbedingt die Kompetenz, sich inhaltlich korrekt über Gentechnologie zu äußern, selbst wenn er es auf seinem Gebiet bis zum Staatsoberhaupt geschafft hat
  • er sollte als Experte allgemein anerkannt sein; sonst verschiebt sich die ursprüngliche Fragestellung nur darauf, ob er ein Experte ist, statt zu einer Antwort zu führen
  • da selbst Fachleute sich in vielen Fragen uneins sind, muss man gegebenenfalls auch erwähnen, dass es in den Expertenreihen unterschiedliche Meinungen gibt, alles andere wäre schlichtweg unehrlich
  • die zitierte Expertenmeinung darf nicht allzu alt sein. Was nun „zu alt“ bedeutet, schwankt von Sachgebiet zu Sachgebiet und von Thema zu Thema; da aber auf fast jedem Gebiet im Lauf der Zeit neue Erkenntnisse gewonnen werden, die die alten ersetzen, ergänzen oder korrigieren, gibt es wenig Sinn, jemanden als Beleg anzuführen, der weit weniger Information zur Verfügung hatte, sich seine Meinung zu bilden, als ein moderner Gegenpart. Man kann schlecht auf die Viersäftelehre pochen und das mit Hippokrateszitaten untermauern
  • last not least: Selbst im günstigsten Fall sagt die Meinung eines Experten nichts aus, wenn das Sachgebiet selbst, für das er als Fachmann gilt, nicht legitim ist. Ebenso wie der Experte allgemein anerkannt sein muss, muss es auch das Sachgebiet sein. Vor allem muss es überhaupt existieren. Ein Wünschelrutengänger kann unter seinesgleichen noch so einen guten Ruf haben, ein Hellseher noch so anerkannt sein, ein Homöopath noch so berühmt und geschätzt...sie alle bleiben bisher den Beweis schuldig, dass die Dinge, die sie in ihren Aussagen interpretieren, überhaupt real sind
Ein weiterer Einwand ist eher ästhetischer Natur: Ein solches Argument ist nie besonders elegant oder lehrreich. Es mag praktisch sein, um eine Entscheidung zu treffen, mehr aber nicht. Denn streng genommen, wenn man unzweifelhaft sicher sein kann, dass jemand wirklich ein Experte auf einem bestimmten Gebiet ist, dann muss man selbst einer sein und hat es nicht nötig, andere zu zitieren. Man hat die gleichen Argumente auf Lager, die den genannten Experten zu seiner Meinung führten. Und die zu nennen, wäre weit eleganterKurzum, wenn nicht eine Menge Regeln eingehalten werden, so handelt es sich um ein Pseudoargument. Und selbst wenn man diese Regeln einhält, wird es kein besonders überzeugendes Argument, es ist stets nur ein Platzhalter für weit bessere Gründe. In dieser Platzhalterfunktion mag dann aber auch der Vorteil liegen, denn oft erspart es einem eine Menge Zeit, nicht zu sehr ins Detail zu gehen; vorausgesetzt, es geht um rein praktische Fragen. Grundsätzliches lässt sich mit solchen Aussagen nie klären, weil das ad verecundiam-Argument keiner Sache überhaupt auf den Grund geht. Es beschäftigt sich nicht mit einer Frage an sich, sondern nur mit Meinungen zu dieser Frage.

Sonntag, 19. September 2010

Denkfehler: Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß´!

Und wieder ein Denkfehler. Ich weiß gar nicht, wie er heißt, oder ob es überhaupt einen allgemeinen Namen dafür gibt (würde mich aber wundern, wenn nicht). Ich nenne es der Einfachheit halber jetzt Rumpelstilzchen-Trugschluss.
Ich meine damit, zu glauben, dass einen Namen für etwas zu kennen dieses auch erklärt, so wie im Märchen Macht über Rumpelstilzchen erlangt wurde, indem man seinen Namen erfuhr. Dass eine Namensgebung dazu herhalten soll, eine Frage zu beantworten, obwohl sie diese nur anders formuliert.
Beispiel gefällig?
Es war einmal, vor langer Zeit...in meiner Schulzeit, genauer gesagt. Ein Lehrer führte ein Experiment vor: Er nahm einen Eimer, füllte etwas Wasser ein, griff den Henkel und ließ den Eimer schwungvoll mit ausgestrecktem Arm vertikal kreisen. Der Eimer befand sich also zeitweise mit der Öffnung nach unten, während er diese Bewegung vollführte. Und kein Tropfen lief aus. Woran lag das? Laut meinem Lehrer an der Zentrifugalkraft, mehr Erklärung gab es nicht, und als Kind akzeptiert man so etwas leider auch unhinterfragt.
Aber was wird dadurch wirklich erklärt? Was ist die Zentrifugalkraft? Wie entsteht sie, aufgrund welcher Naturgesetze? Er hätte genauso gut sagen können, das Wasser läuft wegen des Flubberflapp-Effektes nicht aus. Er tat nichts weiter, als dem, was man ohnehin schon gesehen hatte, eine Bezeichnung zuzuordnen, aber wussten die Schüler deswegen wirklich mehr? Stieg ihr Verständnis für das, was sich vor ihren Augen tat? Nicht im geringsten.
Das ist leider noch nicht einmal die übelste Form, in der dieser Trugschluss auftreten kann. Denn hier war die Bezeichnung wenigstens noch richtig und eindeutig definiert, man konnte den Begriff im Lexikon nachschlagen (Ich rede von meiner Kindheit! Wikipedia war damals noch Science Fiction.) und eine wirkliche Erklärung war relativ leicht gefunden.
Wirklich wüst wird´s wieder bei den Esoterikern. Sie erklären alles mögliche, und auch alles unmögliche, mit hochtrabenden Begriffen wie „Aura“, „Meridiane“, „Energie“, „Bewusstsein“, aber was ausbleibt ist eine klare Definition, was sie mit dem jeweiligen Begriff eigentlich meinen. Mit Sicherheit nicht, was ein Photograph unter „Aura“ versteht, ein Kartograph unter „Meridiane“, ein Physiker unter „Energie“ oder ein Neurologe unter „Bewusstsein“. Diese Berufsgruppen haben strenge Definitionen für ihren Gebrauch dieser Worte. Esoteriker nicht. Warum eigentlich nicht?
Vielleicht liegt es daran (und mit „vielleicht“ meine ich „mir fällt beim besten Willen kein anderer denkbarer Grund ein“), dass eine klare Definition eindeutige Aussagen trifft, die zu leicht zu widerlegen wären. Aber durch Verbalschwammigkeit kann man sich jede Menge Hintertürchen offen lassen. Dabei erzeugt man allerdings so viele leere Worthülsen, dass im Grunde jeder esoterische Text inhaltslos wird.
„Erdstrahlung entlang der Hartmann-Linien stört die Energie der menschlichen Aura und führt zu Schlafstörungen.“ sagt nicht mehr oder weniger aus als „Floipl-doink entlang der Quabbeldonks stört die Wuschelflapps  der menschlichen Glitterröngs und führt zu Schlafstörungen.“ Aber letzteres klingt wenigstens genau so albern, wie es ist...

Samstag, 21. August 2010

Denkfehler: Ein schlüpfriges (Pseudo-)Argument

Der nächste auf meiner Liste von Fehlschlüssen, die man meiden sollte.
Das Dammbruch-Argument, im Englischen in meinen Augen noch schöner benannt: Slippery slope, der schlüpfrige Abhang. Grob gesagt bedeutet es, zu argumentieren, dass ein Schritt in eine bestimmte Richtung dadurch falsch sei, weil er zwangsläufig dazu führen würde, dass die Bewegung daraufhin weiter in diese Richtung gehen würde, bis ein Punkt mit negativen Folgen erreicht wird.
Prinzipiell sind solche Fälle denkbar, aber in der Praxis ist sehr selten diese Abfolge der Ereignisse belegbar; dies würde auf alle Fälle weitere Argumente erfordern, und eine lückenlose, Kette zwangsläufig logisch aufeinander folgender Schritte von Ursachen und Wirkungen. In der Praxis vergessen Menschen, die dieses Argument benutzen, dass jedes Argument nur dann gültig ist, wenn es in jedem Fall anwendbar ist. Ansonsten müsste es erweitert werden, um zu belegen, dass der vorliegende Fall einer von denen ist, in denen es anwendbar ist. Genau das würde durch eine derartige Kette von Schlüssen erfolgen, aber solange die unterbleibt (was, milde ausgedrückt, meist der Fall ist) ist das Ergebnis ein Trugschluss.
Ohne solche stützenden Hilfsargumente besteht das slippery slope-Argument den einfachsten Test für seine Gültigkeit nicht. Die Frage, ob man mit der gleichen Argumentationstechnik zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen kann.
Das Argument versucht, eine Handlung, den ersten Schritt eben, zu verhindern; übersieht dabei allerdings, dass das Unterlassen einer Handlung ebenso eine Handlung darstellt und sich entsprechende Schritte in die umgekehrte Richtung vorstellen lassen. Ein gutes Beispiel wäre wohl die zur Zeit immer wieder geäußerte Befürchtung, dass die Gentechnik im Lebensmittelbereich Auswüchse zeigt wie die vielzitierte (und nichtexistente) Tomate mit Fischgenen. Nun lässt sich nicht leugnen, dass die Gentechnik, ebenso wie andere Technologien auch, Einschränkungen unterworfen werden sollte. Niemand käme schließlich auf den Gedanken, es wäre sinnvoll, Autofahrer ohne Geschwindigkeitsbegrenzung durch die Innenstädte brettern zu lassen. Oder sämtliche Sicherheitsvorschriften für Elektrogeräte fallen zu lassen. Wenn nun aber jemand so tut, als würde Gentechnologie grundsätzlich und zwangsläufig früher oder später zu katastrophalen Folgen führen; wenn er sagt, die Gentechnik muss prinzipiell verboten werden, unabhängig von ihrem Sinn in jedem einzelnen und für sich abgewogenen Fall; wenn er das Szenario aufbaut, jede erlaubte Gentechnik wird dazu führen, dass letzten Endes jede gentechnische Methode erlaubt werden würde, dann muß man sagen: Ebenso würde bei jedem Verbot der Gentechnik damit zu rechnen sein, dass irgendwann jeder Einsatz von Kulturpflanzen verboten würde. Deren Gene sind schließlich auch, wenn auch nur durch Zucht und Kreuzung, manipuliert. Und das Verbot der Genmanipulation auf eine Weise würde das Verbot weiterer Methoden nach sich ziehen.
Oder, um einige Jahrzehnte zurück zu gehen und ein heutzutage und hierzulande zumindest nicht mehr ganz so kontroverses Thema als Beispiel zu nutzen:
„Wenn man die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch zulässt, wer weiß, ob das nicht der erste Schritt einer Entwicklung ist, die an ihrem Ende die Abtreibung bis unmittelbar vor der Geburt erlaubt?“
Im Sinne einer hundertprozentigen Gewissheit: Keiner. Aber wenn man den Schwangerschaftsabbruch vollständig verbietet, wer weiß, ob das nicht der erste Schritt einer Entwicklung ist, Frauen dazu zu zwingen, schwanger zu werden...?
Wie heißt es doch so schön: „Vorhersagen sind schwer zu treffen, vor allem über die Zukunft.“
Wer so argumentiert tut so, als ob die Zukunft für ihn ein offenes Buch wäre. Aber das ist sie glücklicherweise für niemanden. Das würde das Leben sonst auch entsetzlich langweilig werden lassen. Was nicht heißt, dass ich irgendwas gegen das Wissen über die Lottozahlen der nächsten Woche einzuwenden hätte...

Sonntag, 15. August 2010

Denkfehler: Die Bedeutung von Worten und falsche Dichotomie

Hallo! Da bin ich wieder. Nach langer Pause, nun hoffentlich regelmäßig. Ich will beginnen mit einem ersten Eintrag zum Thema „Denkfehler“.
Ich weiß nicht, wie viele Klassen von Denkfehlern es wirklich gibt, aber ich denke, dass wohl an die 90% aller verursachten Fehler sich auf etwa ein Dutzend Kategorien beschränken. Und weniger als 100 Fehler machen fast den ganzen Rest aus.Auf jeden Fall will ich mit etwas relativ häufigem, aber oft nicht durchschauten anfangen. Dem Fehler, der entsteht, wenn man die Definition (oder Definitionen) der verwendeten Wörter nicht ausreichend beachtet.
Als Beispiel will ich mal ein Argument benutzen, dass ich von einem Germanistikstudenten hörte, anführen; damit wollte er belegen, dass Sprache nicht logisch arbeitet. Ob dem so ist, das sei hier dahingestellt, es geht um die Frage, ob sein Argument, bzw. sein Belegbeispiel, funktioniert.
„Ist Donald Duck ein Mensch oder eine Ente? Menschen können reden, er kann reden, also ist er ein Mensch. Aber Menschen haben keine Federn, Enten schon. Also ist er eine Ente. Aber eine Ente kann kein Mensch sein, also ist unterm Strich sowohl die Aussage falsch, er wäre ein Mensch, da er eine Ente ist, aber auch die Aussage, er wäre eine Ente, da er ja aufgrund seiner Sprachfähigkeit ein Mensch sein muss. Und wenn diese Aussagen keinen Sinn geben, dann kann Sprache nicht logisch arbeiten.“
Mal ganz abgesehen davon, dass ein Beispiel in diesem Fall wenig als Beleg taugt, wenn nicht der Beweis erbracht wird, dass der entstandene Fehler der Sprache selbst anzulasten ist, und nicht dem Sprecher, werden hier zwei grundliegende Fehler gemacht:
Die Begriffe „Mensch“ und „Ente“ werden sehr frei verwendet. Alles, das reden kann, ist ein Mensch. Enten haben Federn. Banal gesagt: Würde ein dem Frankenstein-Klischee entsprechender Gentechniker eine Ente zustande bringen, die reden kann, so müsste diese als Mensch gelten. Und ein Mensch mit Federn wäre eine Ente. So leicht ist das nicht.
Und selbst die Beschreibung von Donald Duck ist ausgesprochen schwach. Donald Duck kann gar nicht reden. Schauspieler, allen voran der unvergessene Clarence Nash, sprechen seine Texte für ihn. Er hat auch keine Federn, das sind nur Tuschestriche, die Federn darstellen. Donald Duck existiert gar nicht auf der Ebene von Menschen und Enten, er ist eine Phantasiefigur, und als solche auch gar nicht an die Regeln gebunden, die für Menschen und Enten gelten.
Der zweite Fehler ergibt sich daraus, die falsche Dichotomie.
Diese gibt vor, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden muss, obwohl es in Wirklichkeit mindestens eine dritte, und oft eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten gibt. Mensch oder Ente? Weder noch. Comic- und Trickfilmfigur.
Zugegeben,  die genaue Taxonomie der Bewohner Entenhausens mag nichts besonders Wichtiges sein; aber man darf nicht vergessen, dass dies nur ein Beispiel für eine falsche Dichotomie ist, das zur Erläuterung dient und deshalb sogar besonders leicht durchschaubar sein soll. Dieses falsche Argument wird sehr oft auf Gebieten wie Politik, Wirtschaft, Religion etc. verwendet, und ich hoffe, man durchschaut es dort leichter, wenn man ein griffiges Beispiel im Kopf hat.
Entweder  müssen wir die Steuern erhöhen oder die Ausgaben für Kultur senken
Entweder  Gott existiert, oder das Leben ist sinnlos
Entweder  man ist gegen den Sozialismus oder gegen die Demokratie
Und so weiter...
Wer so tut, als ob es nur zwei Möglichkeiten gibt, muss vorneweg  erstmal erklären, warum dem so sein soll, ansonsten ist jede darauf aufbauende Argumentation wertlos.

Sonntag, 9. Mai 2010

Einige Worte zur Idiotie

Vielleicht wird das hier nicht besonders elegant formuliert, aber das liegt einfach daran, dass ich im Gegensatz zu meinen üblichen Gepflogenheiten einfach munter drauflos schreibe. Ohne Entwurf oder Notizen.
Einer der Gründe, warum ich hier überhaupt etwas schreibe, ist, dass mir die Welt zu sehr von Schwachsinn angefüllt scheint, als dass ich es ertragen könnte, ohne ab und an mir etwas Intelligenz konfrontiert zu sein. Und ich entsprechend auch immer wieder mal einen Gedanken loswerden muss, der mir nicht blöde erscheint. Es ist nicht immer leicht, jemanden zu finden, der den dann auch versteht, und deshalb stelle ich den ins Internet, in der Hoffnung, dass irgendwo irgendwer etwas damit anfangen kann.
Ich kenne genug Menschen, die sich so idiotisch verhalten, dass ich es nicht nachvollziehen kann. Also so idiotisch, dass ich gar nicht glauben kann, dass es möglich ist, so viel Idiotie aufzubringen, und zugleich noch in der Lage zu sein, einfache Sätze zu lesen oder die Aufgabe 2+3=? zu lösen.
So richtig erklären kann ich es mir immer noch nicht, aber ich fange an, mehr und mehr zu vermuten, dass die betreffenden Personen gar nicht so idiotisch sind, sondern einfach nur so tun als ob. Dass da eher psychologische als kognitive Faktoren eine Rolle spielen. Insbesondere, dass einfach Überheblichkeit, Faulheit, Egoismus dazu führen, dass sie Denkprozesse, welche durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten lägen, unterlassen, um ihr übertrieben positives Selbstbild aufrecht zu erhalten.
Ohne in nähere Details gehen zu wollen oder dies auch nur zu dürfen, muss ich dies an meinem Arbeitsplatz Tag für Tag miterleben. Kollegen scheinen unfähig zu sein, die simpelsten Gedankengänge selbstständig durchzuführen, und ebenso unfähig, sich an Vorgaben zu halten, die sie nicht nachvollziehen können...bzw. wollen. Vielleicht ist das die Crux des Ganzen: Solange sie ihr Hirn einfach nicht benutzen, können sie vermeiden, Argumente einzusehen, welche gegen ihre eigenen Einstellungen spricht, und diese Argumente vernachlässigen. Und dabei das für sie angenehme Bild aufrecht erhalten, sie wären im Recht.
Sie versuchen auf diese Weise, sich eine Freikarte für jedes Verhalten zu verschaffen, dass ihrer Lust und Neigung entspricht, sich jedes Recht zu sichern und jede Pflicht von sich zu weisen.
Nun, wahrscheinlich interessiert das kein Aas, mit welcher Idiotie ich jeden Tag am Arbeitsplatz konfrontiert werde. Kann ich verstehen. Wenn ich das hier trotzdem so öffentlich kund tue, so mag das dennoch einen Sinn haben, der über das simple Frust loswerden hinausgeht: Ich denke sehr, dass alle Mechanismen, die ich bei den betreffenden Kollegen beobachten kann, voll und ganz ihre Entsprechung im Auftreten anderer Menschen haben, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, die Macht und Einfluss haben, und die sich ebenso gerne der Kritik entziehen. So stelle ich sehr häufig fest, dass der Klerus etwa unglaublich häufig Argumente bringt, die derart schwach sind, dass ein intelligenter 10-jähriger vermutlich die darin verborgenen Denkfehler aufspüren und entlarven könnte. So kann ich den entsprechenden Klerikern und denen unter ihren Gefolgsleuten, die ihren Pseudoargumenten Glauben schenken, auch nur unterstellen, dass sie, falls sie diese Sprüche tatsächlich glauben, dies nur tun, weil sie es glauben wollen, und zwar so sehr, dass sie bereit sind, ihren Verstand völlig auszuschalten. Ich erinnere nur an diese Meldung.
Der Tipp, den ich jedem geben kann: Beobachten, welchen Denkfehler man im kleinen und alltäglichen Rahmen begegnet...und dann sich nicht von irgendwelcher "Autorität" einschüchtern zu lasen, und jede Meinung eines Macht innehabenden Menschen nach genau diesen Fehlern abzusuchen. Sie mögen vielleicht nicht die Dümmsten sein, aber es sind auch Menschen, denen man nicht a priori unterstellen kann, dass sie psychisch gefestigter als Otto Normalverbraucher sind, und deren jeder Glaube und jede Überzeugung ebenso überprüfenswert ist, ob sie nun die Folge eines sachlichen Gedankenganges ist, oder Ergebnis eines unbedingten daran glauben Wollens.

Sonntag, 11. April 2010

Akupunkturpunktmessung

Hier ist ein bekanntes kleines Experiment:
Man bekommt folgende vier Karten vorgelegt, und dazu gesagt: Jede Karte hat auf einer Seite eine Ziffer und auf einer einen Buchstaben. Ich behaupte, wenn auf einer Karte ein Vokal ist, befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite eine gerade Zahl.Nun darf man zwei Karten umdrehen, und soll diese möglichst gut auswählen, um die Behauptung zu überprüfen.
Jeder Leser darf sich nun Gedanken dazu machen, ich berichte erstmal weiter von der Lebensfreude Messe. Ich wurde von einem Herrn an einem kleinen Stand angesprochen. Dort gab es zwei kleine Tische mit je einem Stuhl davor und dahinter, und ein für mich unidentifizierbares technisches Gerät auf jedem Tisch.
Der Mann bot mir an, eine kostenlose Messung des elektrischen Potentials an einem Akupunkturpunkt durchzuführen. Damit soll festzustellen sein, in welchem Gesundheitszustand verschiedene Organe sind, die über Meridiane mit diesem Akupunkturpunkt verbunden sind. Ich stellte mich dumm, und fragte, was ich mir unter einem elektrischen Potential denn vorstellen solle, und bekam erklärt, dass dieses durch den Körper, durch jede einzelne Zelle fließt. Ich fragte, ob das nicht einfach ein elektrischer Impuls ist, also ein Nervensignal. Nein, das wäre etwas anderes. Dann ging es um die Frage: Wenn jede Zelle ein solches Potential hat, und man die Sonde auf der Haut ansetzt, woher weiß man dann, dass man nicht das elektrische Potential der Hautzellen an dieser Stelle misst, statt die Auswirkung irgendwelcher Meridiane (die wissenschaftlich nicht nachgewiesen und, milde ausgedrückt, sehr unwahrscheinlich sind). Die Antwort lautete nur: Man misst nicht auf der Haut, sondern am Akupunkturpunkt.
Mit mehrmaligen Versuchen, zu erklären, dass der Akupunkturpunkt Bestandteil der Haut ist, kam ich nicht weiter; aber immerhin erfuhr ich, dass eine Messung an jedem anderen Punkt der Haut nicht möglich wäre, da ja nicht die Haut gemessen wird, sondern nur der Akupunkturpunkt.
Und das war genau das, worauf ich gewartet hatte: Eine an Ort und Stelle überprüfbare Aussage! Als der Herr mir daraufhin erneut das Angebot einer kostenfreien Messung dieser Art machte, konnte ich sagen: „Okay, ich schlage folgendes vor: Da ich nicht glaube, dass das funktioniert, machen wir jetzt zwei Messungen. Eine an dem von Ihnen genannten Akupunkturpunkt, eine an einer Hautstelle, die ich bestimme.“
Ich paraphrasiere den nun folgenden Dialog:
„Nein, das mache ich nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Das gibt keinen Sinn, da kommt nichts raus.“
„Inwiefern kommt da nichts raus?“
„Da kann man gar nichts messen.“
„Genau darum geht es mir; wenn Ihr Gerät am Akupunkturpunkt etwas misst, woanders nicht, dann zeigt das, dass die Technik funktioniert.“
„Da muss ich nichts messen, ich weiß, dass da nichts passiert.“
„Aber ich weiß das nicht, und sie könnten es mir beweisen.“
„Das ist sinnlos, da was messen zu wollen.“
„Nun, der Sinn wäre, mir genau dies zu demonstrieren. Ich glaube nicht, dass Ihre Methode funktioniert. Aber wenn Sie mir jetzt vorführen, dass Sie ein elektrisches Potential an einem Akupunkturpunkt messen können, und an einer anderen Hautstelle nicht, dann werde ich glauben, dass da was dran ist.“
„Das ist Sinnlos.“
„Der Sinn wäre es, mich zu überzeugen.“
„Ich muss hier nichts vorführen! Gehen Sie zu Ihrem Heilpraktiker, da können Sie das gerne ausprobieren. Es gibt genug Heilpraktiker, die so ein Gerät haben.“
Im Folgenden versuchte ich noch herauszubekommen, mit wem ich eigentlich gesprochen habe, aber auf alle Fragen nach Namen der Firma oder wo sie ansässig sei bekam ich nur ausweichende Antworten, das wäre gar nicht nötig zu wissen, ich solle mich an Hamburger Heilpraktiker wenden.An dem Stand selber war nichts diesbezüglich konkret auszumachen. Es gab ein Logo mit der Buchstabenkombination „EST“, aber nichts eindeutiges, wofür sie steht. Eine Aufschrift „LedMag-1500“, anscheinend das Testgerät, von dessen Kauf oder auch nur seiner Verwendung ich nun nur abraten kann. Und die Technik selber wurde im Gespräch als „Messung nach Dr. Voll“ bezeichnet, aufgrund der beharrlichen Weigerung, sie zu demonstrieren, vermute ich, dass sie etwa so viel taugt wie eine massive Granit-Schwimmweste. Bei vorsichtigster Betrachtung muss man jedenfalls davon ausgehen, dass bis zum Beweis des Gegenteils hier von einem Angebot auszugehen ist, das einem für viel Geld nichts bietet, als einem Sand in die Augen zu streuen.
Und jetzt erkläre ich das Experiment am Beginn dieses Berichtes. Hier sind die Karten inklusive ihrer, darunter abgebildeten, Rückseiten:Viele Menschen entscheiden sich, die erste und die dritte Karte von links umzudrehen. Die Zweite Karte umzudrehen ist offensichtlich sinnlos, man sieht einen Konsonanten, und die zu überprüfende Aussage (eine Karte mit Vokal auf der einen Seite hat auf der anderen Seite eine gerade Zahl) kann sich gar nicht darauf beziehen. Die dritte Karte ist für den Test geeignet, würde man sie umdrehen und eine ungerade Zahl sehen, wäre die Aussage widerlegt, ansonsten hätte man zumindest ein Beispiel für die Gültigkeit. Die Wahl zwischen der ersten und der letzten Karte ist der Knackpunkt, die beiden anderen Karten dienen nur dazu, es nicht allzu durchsichtig zu machen, worum es geht. Mit der ersten Karte lässt sich die Aussage gar nicht überprüfen, denn diese besagt nicht, dass NUR ein Vokal von einer geraden Zahl begleitet werden darf. Sie umzudrehen erhöht meinen Informationsstand diesbezüglich nicht, bestenfalls komme ich zu einem weiteren Beispiel, das sich nach der Regel zu richten scheint. Aber die vierte Karte, die bietet den wahren Test dafür. Darauf ist eine ungerade Zahl, also darf dort eigentlich kein Vokal auf der Rückseite stehen. Und trotzdem entscheiden sich mehr Leute für die erste als für die vierte Karte.
Warum ist das so? Ich vermute, weil Menschen mehr dazu tendieren, Bestätigung als Widerlegung zu suchen. Und weil viele die Vorstellung haben, eine genügend hohe Anzahl von Beispielen belegt eine Regel; dabei ist die Abwesenheit von Gegenbeispielen das viel wichtigere Kriterium. Anscheinend ist das nicht jedem klar, sie denken, dass Ausnahmen wenig besagen, da sie die Regel bestätigen. Falsch. Tun sie nicht. Taten sie nie und werden es nie tun. Und wer, wie ich, diesen alten Spruch schon viel zu oft gehört hat, der sollte sich seine Herkunft vor Augen halten:
Die Ausnahme bestätigt die Regel:
Abgeleitet vom lateinischen exceptio probat regulam in casibus non exceptis („Die Ausnahme bestätigt die Regel in den nicht ausgenommenen Fällen.“). Verwendet in Ciceros Verteidigung Lucius Cernelius Balbus Maiors, in welcher Cicero argumentierte, wenn eine Ausnahme eine Handlung illegal mache, sei diese Handlung in den Fällen, die nicht von der Ausnahme betroffen sind, als gesetzlich zu bewerten.
Jedenfalls führte man mir genau dieses Phänomen auf der Messe vor: Völlige, sogar schon fast aufdringliche, Bereitschaft zum Vorführen eines Beispiels, aber strikte Ablehnung eines wirklichen Tests, der zu einem Gegenbeispiel führen könnte. Ob das in obigem Fall nun daran lag, dass der Messeteilnehmer wirklich keinen Sinn in so einem Versuch erkennen konnte, oder er sehr wohl wusste, was passieren würde, das sei dahingestellt. Entscheidend ist vielmehr, dass die Besucher einer Esoterikmesse sich offenbar in der Regel mit dem Vorführen von sorgfältig selektierten Beispielen zufrieden geben, statt kritisch zu hinterfragen.